mustERkennung

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Fußball und ich

with 6 comments

Nein, ich bin kein Löwe, blau und gelb sind keine schönen Farben und – mit Verlaub – Wolters ist kein leckeres Bier. Die Eintracht ist nicht mein Verein und die verhassten Roten aus Hannover auch nicht mein Gegner. Vom VfL Wolfsburg ganz zu schweigen. Und irgendwie müssen sie das gemerkt haben im Block 7, einer der Stehblöcke in der Südkurve des immer vollen Stadions an der Hamburger Straße, des immer vollen Stadions, egal ob in der dritten oder zweiten Liga, egal ob im DFB-Pokal oder in der Relegation. Ein Stadion voller Stimmung, ein Stadion, in das ich nicht gehöre. Und welches ich seit mehr als drei Jahren nicht mehr von innen gesehen habe.

Wochenende

Es gab genug Zeit und Autofahrten, um die Podcasts vom Textilvergehen zu hören. Ich mache das schon eine Weile, ernsthafter in der Saison 2012/2013. Kennengelernt habe ich das Textilvergehen auf der 2010er re:publica, es gab eine Podiumsdiskussion über Fußballblogs. Was mich damals fesselte war die Begeisterung, mit der der eigene Verein oder der Fußball an sich gefeiert, besprochen, kritisiert, aber vor allem am Leben gehalten wird.

Es gab genug Zeit zu überlegen, am kommenden Montag wieder in das Stadion an der Hamburger Straße zu gehen, zum letzten Spiel des Jahres 2012. Zur Begegnung Eintracht Braunschweig gegen 1. FC Union Berlin. Oft habe ich daran gedacht, nach Berlin zu fahren, eine Heimkarte in der Tasche und voller Vorfreude. Nur ist es schwer, online an Karten zu kommen. So auch in diesem Fall. 2000 Tickets wurden nach Berlin gegeben, die Stehplätze waren schnell weg und es sollten nur noch wenige Sitzplatzkarten zurück nach Braunschweig und an die Abendkasse gehen.

1990

Es war kurz nach dem Fall der Mauer. In Folge unstrukturierter FDJ-Strukturen bildeten sich private Sicherheits- und Ordnungsdienste, es gab einen guten Stundenlohn von 20 Mark. Die Wiedervereinigung war noch nicht, auch keine Umstellung der Währung und so waren 20 Mark relativ viel Geld. Es gab Konzerte in der alten Werner-Seelenbinder-Halle, gerne erinnere ich mich an einen Backstage-Job bei Phillip Boa.

Und es gab Ordnungsdienst beim Fußball. Zum Beispiel ein FDGB-Pokal-Finale im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, die Erinnerung deckt sich leider nicht mit der Wikipedia.

Und es gab Ordnungsdienst beim 1. FC Union in der alten Alten Försterei. Ein paar Mal war ich da, ein paar Mal war ich begeistert von der Stimmung, vom gemeinsamen Singen in der Weihnachtszeit, von Menschen, die sich lautstark für ihren Verein engagieren. Aber all das ist deutlich über zwanzig Jahre her.

Montag, 17.12.2012; 18:00

Das Auto ist geparkt, irgendwo und ich gehe zum Stadion. Vereinzelt sehe ich Weiß und Rot, häufiger das Blau/Gelb der Braunschweiger. Ich weiß, wo der Gästeblock ist und frage doch nach dem Kassenhaus, minimale Gesten und Laute aus mürrischen Gesichtern weisen mir den Weg. Noch mehr Ordner. „Wenn Du da jetzt rein gehst, kannst Du vor dem Spiel nicht mehr raus.“ Bis zum Anpfiff sind es noch 2 Stunden, es ist kalt und nass, zum Glück kein Regen. Ich ahne ein knappes Kontingent an Karten und entscheide mich dazu, gleich die Karte zu kaufen, im Gästeareal zu warten, vielleicht ein Bier zu trinken. Es gab nur noch Sitzplatzkarten, genau, dass was ich nicht wollte, dass was ich wollte, ich wollte – nun endlich entschieden – die Lieder hören, die Mannschaft feiern, begeistert sein von einem Verein. Meinem Verein?

1991 / 1992

Irgendwo auf der Brunnenstraße, irgendwo zwischen den Ausgängen der U-Bahn-Station, irgendwo… Ein kleines Schaufenster, eine kleine, schäbige Tür. Ein kleiner Raum, dahinter irgendwas wie eine Küche, ein Klo, vielleicht eine ehemalige Wohnung, jetzt eine linke Fangruppe, hauptsächlich Unioner, aber der Grundgedanke muss in der Antifa geboren worden sein, aus den Konflikten, die nach der Wende besonders stark nach oben kochten, als Stichwort soll BFC reichen und vielleicht noch die FAP-Zentrale in der Weitlingstraße. Das Bier war eigenverantwortlich organisiert und entsprechend billig, es war lecker, als Berliner Pilsner noch etwas eigenes war. Irgendwo stand ein Fernseher, ein Videorekorder und es wurden Spiele gezeigt, ich kann mich an Barcelona erinnern, an Choreographien voller Bengalos. Im Stadion war ich in dieser Zeit nicht.

19:00

Ich musste lernen. Wie frustrierend es ist, zwischen 4-5 Reihen an Ordnern in den Gästebereich zu kommen. Wie frustrierend es ist, dass Gäste in Braunschweig nur alkoholfreies Bier erhalten. Wie massiv die Masse an Ordnern und Polizei wirkt, wie martialisch die Reisebusse, egal ob direkt aus Berlin oder nur vom Hautbahnhof begleitet werden. Wie Leute sich ausziehen mussten für eine intensivere Kontrolle.

Unterwegs

Es gab immer wieder Berührungen mit dem Fußball. Obwohl das falsch ist. Der Sport an sich interessiert mich nicht, nicht, was eine Raute, Doppel-Sechs oder Libero ist. Ich merke mir erst nach langer Zeit Namen von Spielern, Ligen verfolge ich nur sehr fokussiert auf ausgewählte Vereine. Mich interessiert die Kultur um den Sport, das Gehabe im Block, die Gruppen und Rituale, die Berichte und Assimilation außerhalb des Stadions. Mich interessiert Fan-Kultur.

Ich war häufig in Rostock, an Wochenenden, mit diesem tollen Ticket, welches es Massen erlaubte, quer durchs Land befördert zu werden. Dort am Bahnhof war es immer brenzlig, die Stimmung immer aufgeladen. Nein, die Stimmung immer mehr als aggressiv, das Stadion immer laut. Ich war nicht wegen der Spiele in Rostock und doch konnte man sich dem nicht entziehen. Und auch wenn ich weiß, dass es ganz normale Rostocker Fans geben wird, die einfach nur ein Spiel ihres Vereins sehen wollen, so verbinde ich mit dem FC Hansa Rostock doch eine nicht aufzulösende Abneigung. Vielleicht liegt es auch am Lübtzer Pils.

Ich war in Frankfurt, im alten Waldstadion, als es noch keine Arena war. Ein steiles Rund, voll und laut. Ein Zufall war, dass Rostock zu besuch war und eine 4:0-Klatsche erlebte. Der Ultrablock war rot, die ganze Zeit hat irgendwas gebrannt, der Rauch konnte abziehen, die Stimmung empfand ich als elektrisierend.

Ich war in Bern. Ein komisches Erlebnis, was mit dem Mannschaftsnamen – Young Boys – anfing und mit allem, was während des Spiels passierte seinen Verlauf nahm. Bei Freistößen wurde mit dem Schlüsselbund geklingelt, es war alles wesentlich ruhiger als in Deutschland. Und es war ein Spitzenspiel, ich glaube gegen Basel oder Zürich.

Ich war in Hamburg, mit meinem Vater, um ein Spiel des HSV zu sehen. Mein erster Besuch der 1. Bundesliga. Mein letzter. In einer künstlichen Arena, mit künstlichen Fans. Und bei einem Drecksspiel in der Saison 2011/2012. Auftakt der Saison 2012/2013, ich war wieder in Hamburg, stand an der Schlange am Millerntor, Bombenwetter, ausgelassene Menschen. Ich spürte das Kribbeln in mir, wieder mal ein Spiel zu sehen, zu wissen, für welchen Verein ich bin. Jedoch waren mir die 40 Euro für die Haupttribüne zu viel. Damit konnte ich besser in einer Kiezkneipe Bier trinken und das Spiel mit anderen verfolgen.

Eine Kneipe, ich weiß nicht wann und warum. Champions League, Saison 2006 oder so, Arsenal ist irgendwo in Russland, Moskau, St. Petersburg, ich weiß es nicht. Die Gunners verlieren. Und gewinnen mich als Fan. Damals habe ich mich gefragt, wie es Wenger schafft, 11 und mehr Individuen zu motivieren, dass daraus eine solche Mannschaft entsteht und warum wie es auf der Arbeit nicht hinbekommen eine annähernd ähnliche Leistung zu erbringen.

Und zwischendurch immer wieder der BTSV, die Ablenkung, die das Stadion bot, die der Block 7 bot mit seinen Kuttenträgern und Pöbeleien und den Hobbytrainern, die sowieso immer alles besser wissen. Und immer wieder mit dem Gefühl, nie 100% dabei zu sein, eben kein Braunschweiger Junge zu sein, sondern ein Köpenicker, dort geboren und in Adlershof die ersten Jahre verbracht. Immer gewusst, welches der Berliner Verein ist, so oft an der Försterei vorbei gefahren auf dem Weg nach Friedrichshagen.

20:15

Anpfiff. Die Sitzplatzkarte ist Makulatur. Die Minuten vorher konnte ich verfolgen, wie Banner angebracht werden, die Capo ihre Plätze einnehmen. Gesehen, wie das Mädchen von Sky eine Ansage macht und erlebt, dass der Stadionsprecher der Eintracht einfach unsympathisch ist. Ich habe das Stadion aus einer anderen Perspektive gesehen. Und geschwiegen. Selbstverständlich.

20:27:02

Nochmal zurück zum Textilvergehen. Ich habe viel über Spieler gehört und den Trainer, über das Sicherheitskonzept und die Gedanken darum. Meine Timeline besteht neben Nerdkram aus Fußball, bei den Podcast-Abos ist es nicht anders. Danke Sebastian, und Danke Steffi!!! Und Dank auch an Robert, Hans-Martin und sowieso Gero!

Nichts fällt mir leichter als mit den anderen die letzten 10 Sekunden zu zählen. Nichts fühlt sich in diesem Moment natürlich an, als lautstark Union zu brüllen. In den ersten zehn Minuten sind bereits zwei Tore gefallen, der dramatische Fehlpass wird am Folgetag Thema in der Lokalpresse sein. Ich freue mich auf das Spiel. Ich freue mich über schöne Szenen und ärgere mich über dumme Fehler. Meine Stimme ist in der ersten Halbzeit schon verbraucht, völlig aus der Übung, völlig im Rausch. Ich verstehe die Texte und singe glücklich mit. Bei Toren Jubel ich mit den Typen neben mir, die ich nicht kenne. Und ich fluche und meckere mit ihnen, als ob es nicht so wär. Ich würde gern ein Bier mit ihnen trinken, später, irgendwo in Ost-Berlin.

22:00

Ich fühle mich zu Haus. Im Block 18 des Stadions an der Hamburger Straße. Die Mannschaft wurde gefeiert, Lieder wurden gesungen, das Fußballjahr choreografisch verabschiedet. Ich war ein Teil davon und bin mehr als glücklich. Und verzweifelt darüber, wie ich das öfter wiederholen kann. Als nächstes bin ich aber gespannt auf den Podcast zu einem Spiel, dass ich endlich einmal selbst live verfolgen konnte. Und in der Winterpause wird mir schon etwas einfallen.

U.N.V.E.U.

Written by Rayk Fenske

December 18, 2012 at 8:44 pm

6 Responses

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  1. Made my day.

    Mathias Bunkus

    December 19, 2012 at 2:32 pm

  2. […] MustErkennung über ein Spiel des FC Union Berlin in Braunschweig, über das Textilvergehen, sein Fußballselbstverständnis und wie man mit wildfremden Menschen jubeln kann. […]

  3. Gänsehaut! u.n.v.e.u.!

    Südberliner

    December 20, 2012 at 11:57 am

  4. Sehr schöner Text und sicherlich eines der reizendsten Feedbacks auf unsere Selbsthilfegruppe.
    Herzlichen Dank!

    keano (@keanofcu)

    December 20, 2012 at 6:02 pm

  5. […] Fußball und ich (mustERkennung) Bericht vom Unioner Gastspiel bei der Braunschweiger Eintracht aus der Sicht eines, den es nur selten ins Stadion treibt, der mit dem Sport Fußball als solchem wenig anfangen kann, der aber das Stadionerlebnis, die Kultur auf den Rängen, den gesamten irrationalen Quatsch von Kälte und Bier, kollektiven Emotionen und Heiserkeit zu schätzen weiß. Eine beinahe Außenperspektive auf die Kultur, die es zu schützen gilt und die eben aus mehr besteht, als Fahnen und Transparenten. […]


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