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Kunstmuseum Wolfsburg – 1. Halbjahr 2013

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Seit dem 2. März 2013 ist im Kunstmuseum Wolfsburg die Ausstellung „Bewegt“ des Fotografen Christian Boltanski zu sehen. Dabei handelt es sich nicht um eine klassische Präsentation von Fotografien sondern eher um raumgreifende Installationen, welche noch bis zum 21. Juli 2013 zu sehen sind.

Das Kunstmuseum Wolfsburg ist auf Grund der großen, trägerlosen Halle der ideale Ort für große, überwältigende Installationen. Unter anderem hat die Turrell-Schau Ende 2009 dies eindrucksvoll gezeigt.

Meine eigentliche Motivation war jedoch die Ausstellung des amerikanischen Fotografen Steve McCurry, welche bereits seit dem 19. Januar zu sehen ist und noch bis zum 16. Juni laufen wird. Bekannt wird das starke Foto des afghanischen Mädchens sein, welches 1984 die Titelseite einer National Geographic Ausgabe zierte.

Christian Boltanski – Bewegt

Zur Ausstellung gibt es ein zeitungshaft gestaltetes Begleitheft mit Interview und weiterführenden Texten. Die Ausstellung selbst besteht aus 5 Installationen. Da wäre ein großes Display, welches live die Sekunden des Lebens von Boltanski zählt und mit seinem Sterben anhalten wird. Der große Saal des Kunstmuseum wird bespielt von sich bewegenden, aber auch statischen, auf transparenten Stoff gezogenen Fotografien, Portraits verschiedener Leute. Dann gibt es noch eine sich überlagernde Collage an Selbstportraits aus den letzten 60 Jahren, die begleitet werden von einer Tonaufnahme seines Herzrhythmus. Im japanischen Garten sind Glocken installiert, ein Symbol, um die Toten zu ehren.

Alles in allem geht es um Endlichkeit und Sterben und was dann wohl passiert. So die Erläuterung auch im Text. Mein Eindruck ist, dass hier jemand sehr selbstverliebt ist, mit dem sekundenzählenden Dauerobjekt das Museum okkupiert und ansonsten sich gern selber sieht und hört. Die Portraits der Menschen, aber auch die eigenen sind in meinen Augen mehr als belanglos, dass sie laut klappernd durch den Raum gleiten schafft für mich keinen Mehrwert.

Schade, dass es in diesem Raum, der so Reich an Potential ist, bis zum August oder noch länger keine ansprechende Kunst gibt.

Steve McCurry – Im Fluss der Zeit. Fotografien aus Asien 1980 – 2011

Wie schon erwähnt, McCurry war der eigentliche Grund für mich nach Wolfsburg zu fahren. Auch kam mir das Foto „Afghanisches Mädchen“ sehr bekannt vor und ich freute mich auf ausdrucksstarke Fotografie.

Die Ausstellung hängt in fensterlosen, die Haupthalle umlaufenden Räumen, sehr dunkel also, was die intensiven Farben gut zur Geltung kommen lässt. Und so lies mich fangen von diesen Farben und… Und begann nach einer Weile zu überlegen, was so herausragend an diesen Bildern sein soll. Zur Hälfte der Ausstellung konnte ich diese Frage nicht positiv für mich beantworten. Alle Fotos haben ihren Reiz, der meiner Meinung nach jedoch in einer gewissen Exotik begründet liegt. Der ferne Kontinent, das geheimnisvolle Indien, Tibet, Pakistan, unwirkliche Landstriche in Afghanistan und weitere Gegenden. Und immer diese Farben. Es leuchtet auf jedem Bild, intensive Farben vor karger Landschaft, hennafarbene Bärte, bunte Burkas, selbst die frisch gebrannten Ziegelsteine leuchten vor dem grau der Wüste. Religiöse Rituale am Ganges, Bilder des Krieges, immer in intensiven Farben.

Darüber hinaus jedoch Leere, dahinter: Leere. Ich kann nichts sehen. Oder doch: Ich sehe einen Amerikaner, der Aufträge des National Geographic annimmt, um diese Orte zu fotografieren, um „beeindruckende“, druckbare Fotos zu liefern. Und dabei einen für mich großen Fehler macht, der mich auch noch Tage nach der Ausstellung aufregt.

Es ist das Bild des afghanischen Mädchens, aber auch eine sehr junge Tibeterin sowie zwei mohnpflückende Kinder. Es sind Fotografien mit Begleittext, die erläutern, wie brisant das dargestellte ist, dass 80% des Opiums auf dem Weltmarkt auf Afghanistan kommt, dass das junge tibetische Mädchen eine chinesische Jacke trägt und wie besonders es ist, das die nun junge Frau nach 17 Jahren nochmals fotografiert werden durfte (Link). Es sind Kinder, die aufgenommen werden und im Moment nicht wissen, welche Botschaft sie zusätzlich transportieren. Es sind Kinder, auf deren Schultern Politik abgeladen wird. Es sind Bilder, die so nicht funktionieren, die nicht unschuldig sind, weil sie mehr zeigen als diese Kinder, aber eben auch nichts, da das Medium in sich brüchig ist, nicht konsistent. Warum können es keine erwachsenen Mohnpflücker sein, die besser wissen, was sie dort tun? Warum kann keine erwachsene Tibeterin die chinesische Jacke tragen und somit auf Annexion und Unterdrückung aufmerksam machen? Wie kann Steven McCurry sich hinstellen und diese Bilder machen, im vollen Bewusstsein der nicht funktionierenden Aussage? Ich verstehe es nicht.

Und so gibt es nur ein Bild, welches in mir wirkt und nachhallt. Aufgenommen nach dem Tsunami in Japan, eine verschwommene Figur, nicht weiter identifizierbar, aufgenommen durch eine zerbrochene Scheibe. Wieder starke Farben und Kontraste, ein tolles Spiel mit Schatten. Auf mich wirkt es kaum inszeniert, eher spontan aufgenommen. Es hängt irgendwo in einer Ecke, neben einer Notausgangstür. Schade.

tl;dr

Das Kunstmuseum Wolfsburg bietet phantastische Räume für große Installationen und auch Fotokunst. Bewiesen wurde dies z.B. durch die beeindruckende Turell-Installation 2009/2010 (Link), aber auch die meiner Meinung nach sehr gut kuratierte Ausstellung „Kunst der Entschleunigung“ 2011/2012 (Link). Die aktuellen Schauen reichen jedoch mangels Struktur nicht an das durchaus schon erlebte Niveau heran und bieten meiner Meinung nach keinen Grund, dem Wolfsburger Kunstmuseum einen Besuch abzustatten.

Written by Rayk Fenske

March 23, 2013 at 4:36 pm

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